Die Seite für Alsterweiler von Matthias C.S. Dreyer u.a.

"Die Fahneschbitz.": Unterschied zwischen den Versionen

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'''{{PAGENAME}}''' ist eine Erzählung von [[Franz Matt]]. Der Beitrag ist gedruckt im Werk: [[Die Wünschelrute]] und andere Heimaterzählungen (1946).
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'''{{PAGENAME}}''' ist eine Erzählung von [[Franz Matt]]. Der Beitrag ist gedruckt im Werk: [[Die Wünschelrute]] und andere Heimaterzählungen (1946). Im Werk finden sich Angaben zu [[Alsterweiler]], hier [[Hochweiler]] genannt.
  
 
==Erzählung==
 
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"Die Fahneschbitz."  
 
"Die Fahneschbitz."  
  
Meine Geschichte spielt zu einer Zeit, da der Bischof von  
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Meine Geschichte spielt zu einer Zeit, da der Bischof von Speyer bei seinen Firmungsreisen noch nicht mit dem Auto durch die Lande fuhr. Er kam mit "seinem eigenen Fuhr­ werk", einer schweren, behäbigen, geschlossenen Mietskutsche aus Speyer. Die Gäule daran hatten den Lenz ihres Lebens schon lange, lange hinter sich und der Kutscher durfte, seinem Aussehen nach zu schließen, schon mehrfacher Groß­ vater sein. Die Reise ging also recht gemütlich vonstatten. Das protzige Töfftöff von heute, der Erstickungstod durch Straßenstaub und der durchdringende Benzingestank waren damals noch unbekannte Dinge. In dem vorderpfälzischen Dorfe Wingertsberg war Fir­ mung angesagt. Da traf man dann umfassende Vorberei­ tungen zu einem würdigen Empfang des Gnädigen Herrn. Die Häuser wurden frisch gestrichen, die Kirche wurde bis in die hinterste Sakristeiecke gereinigt, das Arbeitszimmer des Herrn Pfarrers wurde nach zwanzig Jahren wieder ein­ mal neu tapeziert und der Herr Bürgermeister legte sich einen neuen langen Gehrock zu. Eine Hauptsorge der Bauernburschen jedoch war die Zu­sammenstellung einer Reiterabteilung. Das Pferdematerial war kein auserlesenes und auch mit der Reitkunst der meisten Besitzer hatte es seine Haken. Der beste Reiter im Ort war der Herr Bürgermeister hatte schon mehr wie der Gartner Schorsch, ein flotter Bursche, ausgangs der Zwanziger, der bei den Schwoleschee (Chevauxleger) in Bam- berg gedient hatte. Sein Vater besaß zwei Pferde, einen schweren älteren "Schaffgaul" und einen jungen "Massik" ein ehemaliges Militärpferd, das bei einem Unfall das Augen- Iicht fast völlig verloren und deshalb seinen militärischen Abschied erhalten hatte. Sonst aber war es wohlgebaut undmachte als Reitpferd eine gute Figur. Nur mußte man beiihm stets auf allerlei Kaprizen gefaßt sein. Es war launisch, wie ein frischgeschmierter Wetterhahn und die Fuhrleute wußten manchen Streich von Gartners "scheelem Fuchs" zu erzählen. Schorsch wurde vom Bürgermeister zum " Vor- reiter" bestimmt. Seine Aufgabe war es, dem Bischof am Ausgang des Nachbardorfes Hochweiler ein paar Worte der Begrüßung vom Pferd herab zu sagen und dann an der Spitzeder übrigen Reiter den bischöflichen Wagen nach Wingertsberg zu geleiten. An manchem der folgenden Abende übte der Schorsch mit den übrigen Burschen einen flotten Trab. Der scheele Fuchs ließ sich im großen ganzen recht manier- lich an und der Herr Bischof konnte kommen. Der große Tag brach an. Wingertsberg prangte im Fest- schmuck: Ehrenbogen. Girlanden und Kränze, lustig flat- ternde Fahnen allüberall! Auf allen Gesichtern lag es wieheiterer Sonnenschein. Den "scheelen Fuchs" kannte man nicht mehr, so schön hatte ihn der Schorsch herausgeputztDer Reiter selbst saß wie angegossen im Sattel, umwallt von einer Fahne in den päpstlichen Farben. Manches Auge ruhte wohlgefällig auf ihm und seinen jugendlichen Begleitern. Der Herr Bürgermeister hatte schon mehr wie zehnmal neugierige Blicke in den Spiegel und durch die Fenster ge-worfen, ob alles an seinem Anzuge und auf den Straßen inOrdnung sei. Seine Ansprache an den Bischof, die er am Eingang von Wingertsberg halten wollte, saß bombensicherund als ihn seine Frau fragte: "SeIl ich jetzt die Werschtle warm mache?" so antwortete er prompt: "Ich erlaube mir, Gnädiger Herr!'" Und als sie fragte: "SeIl ich ach en Schoppe dezu hole?" da sagte er in Ge­ danken: "Die ganze Gemeinde freut sich über Ihr gnädiges Er­ scheinen !" Schorsch aber ritt bereits mit seinen Genossen auf der Straße gen Hochweiler. Muntere Scherzworte flogen hinüber und herüber. Auch in Hochweiler war alles auf den Beinen, um den Bischof, der den Ort passieren sollte, zu sehen. Der Bürger­ meister und die Gemeinderäte hatten sich in Wichs gesteckt, um dem Gnädigen Herrn ihre Aufmerksamkeit zu bekunden. Das schöne Geschlecht war damals sicher ebenso neu­ gierig wie heute, aber daß man überall die Nase vorn dran habe, galt trotzdem als unschicklich. So lauerten denn die Frauen hinter den Vorhängen oder drückten sich verstohlen hinter die Männerreihen und guckten ihnen über die Achseln. Eine aber stellte sich gleich in die erste Reihe neben den Gemeinderat und tat, als ob sie ein Vorrecht hätte. Es war die Gretel von Hochheim, eine ehrsame Jungfrau von 42 Jah­ ren und aus "besserer" Familie. Sie trug als Einzige im Dorf einen richtigen Damenhut, während alle andern noch Kopf­ tücher hatten. Der Hut war zwar nicht mehr ganz nach der Mode, die Gretel hatte ihn von einer Tante aus der Stadt geerbt - die Reiherfeder fehlte, dafür wedelte heute über den künstlichen Blumen eine riesige Gockelfeder. Der schwarze Samt war noch wie neu, das Seidenfutter hatte wohl einige Risse, die man aber nicht sehen konnte, und das Drahtgestell war auch noch wie neu. Kurz, es war ein Hut und dazu noch der einzige im Dorfe. Darum konnte sich die Gretel wohl in die erste Reihe stellen, um auf den Gnädigen Herrn zu warten. Die Wingertsberger Spitzenreiter wurden vor Hochweiler mit gemischten Gefühlen begrüßt. Gegenseitige Eifersucht ist ein Erbübel der pfälzischen Dorfbewohner. Bemüht sich eineGemeinde bei Gelegenheit wie einem Bischofsempfang, ihre Sache gut zu machen, so kommt bei den lieben Nachbarn so etwas wie Neid zum Durchbruch, lose Zungen machen ihre abfälligen Bemerkungen und finden leicht Beifall. Zeigt sich eine andere Gemeinde in solchen Fällen lässig, nimmt der Bürgermeister sie auf die leichte Schulter, dann lassen die lieben Nachbarn erst recht "ihr Maul spazieren". Schorsch und seine Begleiter mußten eine gründliche Musterung über sich ergehen lassen. Dieselbe erstreckte sieh auf die Reiter, auf die Pferde und auf das Sattelzeug. Nichts entging den scharfen Augen der Hochweilerer. Schorsch parierte manche spitze Bemerkung der Hochweilerer mit gu­tem Humor, konnte aber eine gewisse Nervosität nicht unter­ drücken, als er merkte, wie ein Spottvogel seinen "scheelen Fuchs" zur Zielscheibe seines Witzes wählte. Diese seine innere Unruhe aber teilte sich seinem Pferde mit. Der Fuchs fing an zu scharren, ging vorn hoch, legte die Ohren - An­ zeichen, die zu allerlei Bedenken Anlaß gaben. Endlich hieß es: "Sie kummen!" Die Glocken von Hoch­ weiler begannen zu läuten, die Leute strömten aus den Häusern und umsäumten die Hauptstraße. Durch dieselbe nahte bedächtig und schwerfällig die bischöfliche Chaise. Sie ratterte, über das unebene Straßenpflaster und verursachte großen Lärm. Schorsch legte sich schnell seinen Spruch im Kopf zurecht und ließ den Fuchs die Schenkel spüren. Aber, aber! Das Pferd war nicht mehr zu beruhigen. Jetzt wollte der Schorsch an den bischhöflichen Wagen heranreiten, da kam das Un­ erwartete. Der "scheele Fuchs" fing an zu hufen, und je mehr Mühe sich der Schorsch gab, ihn vorwärts zu bringen, desto unaufhaltsamer bewegte sich der Gaul rückwärts. Der Gnädige Herr war aufmerksam geworden, der Wagen hielt, aber der Fuchs war nicht an ihn heranzubringen: Da nickte denn der Bischof dem von der Anstrengung feuerrot gewordenen Schorsch recht freundlich zu, dieser führte die Hand zu militärischem Gruß an die Kopfbedeckung - und der Wagen rollte weiter. Ein spöttischer Zug legte sich über die Gesichter mancher Hochweilerer - mit der Geduld des guten Schorsch wars zuende. Er riß die Fahne vom Steig­ bügel und schlug mit der Stange dem Fuchs in die Flanken, daß es nur so dröhnte. Die Fahnenspitze aber löste sich, flog in einem weiten Bogen durch die Luft, gerade auf den Hut der Gretel von Hochweiler, durchschlug den samtseidenen Hutboden und blieb aufrecht darin stecken. Jetzt sah alles nach der Gretel. Diese stand starr vor Schrecken, der Gnädige Herr schmunzelte, der Bürgermeister vergaß ganz seine An­ sprache und das Gelächter wollte kein Ende nehmen. Schorsch war glänzend entlastet. Bei dem "scheelen Fuchs" hatten die Schläge gewirkt. Er gab das Rückwärtsdrängen auf und nahm die Beine hoch. Schorsch als gewandter Reiter hatte ihn bald in seiner Ge­ walt und raste mit ihm dem bischöflichen Wagen nach, diesem nach kurzer Zeit voraus und konnte in Wingertsberg recht­ zeitig verkünden, daß der Gnädige Herr nahe. Alles Weitere verlief programmäßig, der Bürgermeister von Wingertsberg brachte seine mühsam einstudierte Rede glücklich an den Mann und der Gnädige Herr ließ sich am nächsten Tag den braven Schorsch zu dessen großer Freude besonders vorstellen, so daß dieser für das Mißgeschick beim Empfang voll entschädigt war. Die Gretel von Hochweiler aber führte bis zu ihrem seligen Ende den Uz-Namen "Die Fahneschbitz". In solchen Sachen haben die Pfälzer ein gutes Gedächtnis.
Speyer bei seinen Firmungsreisen noch nicht mit dem Auto  
 
durch die Lande fuhr. Er kam mit "seinem eigenen Fuhr­  
 
werk", einer schweren, behäbigen, geschlossenen Mietskutsche  
 
aus Speyer. Die Gäule daran hatten den Lenz ihres Lebens  
 
schon lange, lange hinter sich und der Kutscher durfte,  
 
seinem Aussehen nach zu schließen, schon mehrfacher Groß­  
 
vater sein. Die Reise ging also recht gemütlich vonstatten.  
 
Das protzige Töfftöff von heute, der Erstickungstod durch  
 
Straßenstaub und der durchdringende Benzingestank waren  
 
damals noch unbekannte Dinge.  
 
 
 
In dem vorderpfälzischen Dorfe Wingertsberg war Fir­  
 
mung angesagt. Da traf man dann umfassende Vorberei­  
 
tungen zu einem würdigen Empfang des Gnädigen Herrn.  
 
Die Häuser wurden frisch gestrichen, die Kirche wurde bis  
 
in die hinterste Sakristeiecke gereinigt, das Arbeitszimmer  
 
des Herrn Pfarrers wurde nach zwanzig Jahren wieder ein­  
 
mal neu tapeziert und der Herr Bürgermeister legte sich  
 
einen neuen langen Gehrock zu.  
 
 
 
Eine Hauptsorge der Bauernburschen jedoch war die Zu­
 
sammenstellung einer Reiterabteilung. Das Pferdematerial  
 
war kein auserlesenes und auch mit der Reitkunst der meisten  
 
Besitzer hatte es seine Haken. Der beste Reiter im Ort war  
 
der Herr Bürgermeister hatte schon mehr wie  
 
 
 
der Gartner Schorsch, ein flotter Bursche, ausgangs der  
 
Zwanziger, der bei den Schwoleschee (Chevauxleger) in Bam-  
 
berg gedient hatte. Sein Vater besaß zwei Pferde, einen  
 
schweren älteren "Schaffgaul" und einen jungen "Massik"  
 
ein ehemaliges Militärpferd, das bei einem Unfall das Augen-  
 
Iicht fast völlig verloren und deshalb seinen militärischen  
 
Abschied erhalten hatte. Sonst aber war es wohlgebaut und
 
machte als Reitpferd eine gute Figur. Nur mußte man bei
 
ihm stets auf allerlei Kaprizen gefaßt sein. Es war launisch,  
 
wie ein frischgeschmierter Wetterhahn und die Fuhrleute  
 
wußten manchen Streich von Gartners "scheelem Fuchs" zu  
 
erzählen. Schorsch wurde vom Bürgermeister zum " Vor-  
 
reiter" bestimmt. Seine Aufgabe war es, dem Bischof am  
 
Ausgang des Nachbardorfes Hochweiler ein paar Worte der  
 
Begrüßung vom Pferd herab zu sagen und dann an der Spitze
 
der übrigen Reiter den bischöflichen Wagen nach Wingertsberg zu  
 
geleiten. An manchem der folgenden Abende übte  
 
der Schorsch mit den übrigen Burschen einen flotten Trab.  
 
Der scheele Fuchs ließ sich im großen ganzen recht manier-  
 
lich an und der Herr Bischof konnte kommen.  
 
 
 
Der große Tag brach an. Wingertsberg prangte im Fest-  
 
schmuck: Ehrenbogen. Girlanden und Kränze, lustig flat-  
 
ternde Fahnen allüberall! Auf allen Gesichtern lag es wie
 
heiterer Sonnenschein. Den "scheelen Fuchs" kannte man  
 
nicht mehr, so schön hatte ihn der Schorsch herausgeputzt
 
Der Reiter selbst saß wie angegossen im Sattel, umwallt von  
 
einer Fahne in den päpstlichen Farben. Manches Auge ruhte  
 
wohlgefällig auf ihm und seinen jugendlichen Begleitern.  
 
Der Herr Bürgermeister hatte schon mehr wie zehnmal  
 
neugierige Blicke in den Spiegel und durch die Fenster ge-
 
worfen, ob alles an seinem Anzuge und auf den Straßen in
 
Ordnung sei. Seine Ansprache an den Bischof, die er am  
 
Eingang von Wingertsberg halten wollte, saß bombensicher
 
und als ihn seine Frau fragte:  
 
 
 
"SeIl ich jetzt die Werschtle warm mache?" so antwortete  
 
er prompt:  
 
"Ich erlaube mir, Gnädiger Herr!'"  
 
Und als sie fragte:  
 
"SeIl ich ach en Schoppe dezu hole?" da sagte er in Ge­  
 
danken:  
 
"Die ganze Gemeinde freut sich über Ihr gnädiges Er­  
 
scheinen !"  
 
Schorsch aber ritt bereits mit seinen Genossen auf der  
 
Straße gen Hochweiler. Muntere Scherzworte flogen hinüber  
 
und herüber.  
 
 
 
Auch in Hochweiler war alles auf den Beinen, um den  
 
Bischof, der den Ort passieren sollte, zu sehen. Der Bürger­  
 
meister und die Gemeinderäte hatten sich in Wichs gesteckt,  
 
um dem Gnädigen Herrn ihre Aufmerksamkeit zu bekunden.  
 
 
 
Das schöne Geschlecht war damals sicher ebenso neu­  
 
gierig wie heute, aber daß man überall die Nase vorn dran  
 
habe, galt trotzdem als unschicklich. So lauerten denn die  
 
Frauen hinter den Vorhängen oder drückten sich verstohlen  
 
hinter die Männerreihen und guckten ihnen über die Achseln.  
 
Eine aber stellte sich gleich in die erste Reihe neben den  
 
Gemeinderat und tat, als ob sie ein Vorrecht hätte. Es war  
 
die Gretel von Hochheim, eine ehrsame Jungfrau von 42 Jah­  
 
ren und aus "besserer" Familie. Sie trug als Einzige im Dorf  
 
einen richtigen Damenhut, während alle andern noch Kopf­  
 
tücher hatten. Der Hut war zwar nicht mehr ganz nach der  
 
Mode, die Gretel hatte ihn von einer Tante aus der Stadt  
 
geerbt - die Reiherfeder fehlte, dafür wedelte heute über  
 
den künstlichen Blumen eine riesige Gockelfeder. Der  
 
schwarze Samt war noch wie neu, das Seidenfutter hatte  
 
wohl einige Risse, die man aber nicht sehen konnte, und das  
 
Drahtgestell war auch noch wie neu. Kurz, es war ein Hut  
 
und dazu noch der einzige im Dorfe. Darum konnte sich die  
 
Gretel wohl in die erste Reihe stellen, um auf den Gnädigen  
 
Herrn zu warten.  
 
 
 
Die Wingertsberger Spitzenreiter wurden vor Hochweiler  
 
mit gemischten Gefühlen begrüßt. Gegenseitige Eifersucht ist  
 
ein Erbübel der pfälzischen Dorfbewohner. Bemüht sich eine
 
Gemeinde bei Gelegenheit wie einem Bischofsempfang, ihre  
 
Sache gut zu machen, so kommt bei den lieben Nachbarn so  
 
etwas wie Neid zum Durchbruch, lose Zungen machen ihre  
 
abfälligen Bemerkungen und finden leicht Beifall. Zeigt sich  
 
eine andere Gemeinde in solchen Fällen lässig, nimmt der  
 
Bürgermeister sie auf die leichte Schulter, dann lassen die  
 
lieben Nachbarn erst recht "ihr Maul spazieren".  
 
 
 
Schorsch und seine Begleiter mußten eine gründliche  
 
Musterung über sich ergehen lassen. Dieselbe erstreckte sieh  
 
auf die Reiter, auf die Pferde und auf das Sattelzeug. Nichts  
 
entging den scharfen Augen der Hochweilerer. Schorsch  
 
parierte manche spitze Bemerkung der Hochweilerer mit gu­
 
tem Humor, konnte aber eine gewisse Nervosität nicht unter­  
 
drücken, als er merkte, wie ein Spottvogel seinen "scheelen  
 
Fuchs" zur Zielscheibe seines Witzes wählte. Diese seine  
 
innere Unruhe aber teilte sich seinem Pferde mit. Der Fuchs  
 
fing an zu scharren, ging vorn hoch, legte die Ohren - An­  
 
zeichen, die zu allerlei Bedenken Anlaß gaben.  
 
 
 
Endlich hieß es: "Sie kummen!" Die Glocken von Hoch­  
 
weiler begannen zu läuten, die Leute strömten aus den  
 
Häusern und umsäumten die Hauptstraße. Durch dieselbe  
 
nahte bedächtig und schwerfällig die bischöfliche Chaise. Sie  
 
ratterte, über das unebene Straßenpflaster und verursachte  
 
großen Lärm.  
 
 
 
Schorsch legte sich schnell seinen Spruch im Kopf zurecht  
 
und ließ den Fuchs die Schenkel spüren. Aber, aber! Das  
 
Pferd war nicht mehr zu beruhigen. Jetzt wollte der Schorsch  
 
an den bischhöflichen Wagen heranreiten, da kam das Un­  
 
erwartete. Der "scheele Fuchs" fing an zu hufen, und je  
 
mehr Mühe sich der Schorsch gab, ihn vorwärts zu bringen,  
 
desto unaufhaltsamer bewegte sich der Gaul rückwärts.  
 
 
 
Der Gnädige Herr war aufmerksam geworden, der Wagen  
 
hielt, aber der Fuchs war nicht an ihn heranzubringen: Da  
 
nickte denn der Bischof dem von der Anstrengung feuerrot  
 
gewordenen Schorsch recht freundlich zu, dieser führte die  
 
Hand zu militärischem Gruß an die Kopfbedeckung - und  
 
der Wagen rollte weiter. Ein spöttischer Zug legte sich über  
 
die Gesichter mancher Hochweilerer - mit der Geduld des  
 
guten Schorsch wars zuende. Er riß die Fahne vom Steig­  
 
bügel und schlug mit der Stange dem Fuchs in die Flanken,  
 
daß es nur so dröhnte. Die Fahnenspitze aber löste sich, flog  
 
in einem weiten Bogen durch die Luft, gerade auf den Hut  
 
der Gretel von Hochweiler, durchschlug den samtseidenen  
 
Hutboden und blieb aufrecht darin stecken. Jetzt sah alles  
 
nach der Gretel. Diese stand starr vor Schrecken, der Gnädige  
 
Herr schmunzelte, der Bürgermeister vergaß ganz seine An­  
 
sprache und das Gelächter wollte kein Ende nehmen. Schorsch  
 
war glänzend entlastet.  
 
 
 
Bei dem "scheelen Fuchs" hatten die Schläge gewirkt.  
 
 
 
Er gab das Rückwärtsdrängen auf und nahm die Beine hoch.  
 
Schorsch als gewandter Reiter hatte ihn bald in seiner Ge­  
 
walt und raste mit ihm dem bischöflichen Wagen nach, diesem  
 
nach kurzer Zeit voraus und konnte in Wingertsberg recht­  
 
zeitig verkünden, daß der Gnädige Herr nahe.  
 
 
 
Alles Weitere verlief programmäßig, der Bürgermeister  
 
von Wingertsberg brachte seine mühsam einstudierte Rede  
 
glücklich an den Mann und der Gnädige Herr ließ sich am  
 
nächsten Tag den braven Schorsch zu dessen großer Freude  
 
besonders vorstellen, so daß dieser für das Mißgeschick beim  
 
Empfang voll entschädigt war.  
 
 
 
Die Gretel von Hochweiler aber führte bis zu ihrem  
 
seligen Ende den Uz-Namen "Die Fahneschbitz". In solchen  
 
Sachen haben die Pfälzer ein gutes Gedächtnis.  
 
  
 
==Erkenntnisse aus der Erzählung==
 
==Erkenntnisse aus der Erzählung==
 
Hochweiler = [[Alsterweiler]]
 
Hochweiler = [[Alsterweiler]]
 
Wingerstberg = [[Sankt Martin]]
 
Wingerstberg = [[Sankt Martin]]

Version vom 6. November 2017, 09:10 Uhr

"Die Fahneschbitz." ist eine Erzählung von Franz Matt. Der Beitrag ist gedruckt im Werk: Die Wünschelrute und andere Heimaterzählungen (1946). Im Werk finden sich Angaben zu Alsterweiler, hier Hochweiler genannt.

Erzählung

"Die Fahneschbitz."

Meine Geschichte spielt zu einer Zeit, da der Bischof von Speyer bei seinen Firmungsreisen noch nicht mit dem Auto durch die Lande fuhr. Er kam mit "seinem eigenen Fuhr­ werk", einer schweren, behäbigen, geschlossenen Mietskutsche aus Speyer. Die Gäule daran hatten den Lenz ihres Lebens schon lange, lange hinter sich und der Kutscher durfte, seinem Aussehen nach zu schließen, schon mehrfacher Groß­ vater sein. Die Reise ging also recht gemütlich vonstatten. Das protzige Töfftöff von heute, der Erstickungstod durch Straßenstaub und der durchdringende Benzingestank waren damals noch unbekannte Dinge. In dem vorderpfälzischen Dorfe Wingertsberg war Fir­ mung angesagt. Da traf man dann umfassende Vorberei­ tungen zu einem würdigen Empfang des Gnädigen Herrn. Die Häuser wurden frisch gestrichen, die Kirche wurde bis in die hinterste Sakristeiecke gereinigt, das Arbeitszimmer des Herrn Pfarrers wurde nach zwanzig Jahren wieder ein­ mal neu tapeziert und der Herr Bürgermeister legte sich einen neuen langen Gehrock zu. Eine Hauptsorge der Bauernburschen jedoch war die Zu­sammenstellung einer Reiterabteilung. Das Pferdematerial war kein auserlesenes und auch mit der Reitkunst der meisten Besitzer hatte es seine Haken. Der beste Reiter im Ort war der Herr Bürgermeister hatte schon mehr wie der Gartner Schorsch, ein flotter Bursche, ausgangs der Zwanziger, der bei den Schwoleschee (Chevauxleger) in Bam- berg gedient hatte. Sein Vater besaß zwei Pferde, einen schweren älteren "Schaffgaul" und einen jungen "Massik" ein ehemaliges Militärpferd, das bei einem Unfall das Augen- Iicht fast völlig verloren und deshalb seinen militärischen Abschied erhalten hatte. Sonst aber war es wohlgebaut undmachte als Reitpferd eine gute Figur. Nur mußte man beiihm stets auf allerlei Kaprizen gefaßt sein. Es war launisch, wie ein frischgeschmierter Wetterhahn und die Fuhrleute wußten manchen Streich von Gartners "scheelem Fuchs" zu erzählen. Schorsch wurde vom Bürgermeister zum " Vor- reiter" bestimmt. Seine Aufgabe war es, dem Bischof am Ausgang des Nachbardorfes Hochweiler ein paar Worte der Begrüßung vom Pferd herab zu sagen und dann an der Spitzeder übrigen Reiter den bischöflichen Wagen nach Wingertsberg zu geleiten. An manchem der folgenden Abende übte der Schorsch mit den übrigen Burschen einen flotten Trab. Der scheele Fuchs ließ sich im großen ganzen recht manier- lich an und der Herr Bischof konnte kommen. Der große Tag brach an. Wingertsberg prangte im Fest- schmuck: Ehrenbogen. Girlanden und Kränze, lustig flat- ternde Fahnen allüberall! Auf allen Gesichtern lag es wieheiterer Sonnenschein. Den "scheelen Fuchs" kannte man nicht mehr, so schön hatte ihn der Schorsch herausgeputztDer Reiter selbst saß wie angegossen im Sattel, umwallt von einer Fahne in den päpstlichen Farben. Manches Auge ruhte wohlgefällig auf ihm und seinen jugendlichen Begleitern. Der Herr Bürgermeister hatte schon mehr wie zehnmal neugierige Blicke in den Spiegel und durch die Fenster ge-worfen, ob alles an seinem Anzuge und auf den Straßen inOrdnung sei. Seine Ansprache an den Bischof, die er am Eingang von Wingertsberg halten wollte, saß bombensicherund als ihn seine Frau fragte: "SeIl ich jetzt die Werschtle warm mache?" so antwortete er prompt: "Ich erlaube mir, Gnädiger Herr!'" Und als sie fragte: "SeIl ich ach en Schoppe dezu hole?" da sagte er in Ge­ danken: "Die ganze Gemeinde freut sich über Ihr gnädiges Er­ scheinen !" Schorsch aber ritt bereits mit seinen Genossen auf der Straße gen Hochweiler. Muntere Scherzworte flogen hinüber und herüber. Auch in Hochweiler war alles auf den Beinen, um den Bischof, der den Ort passieren sollte, zu sehen. Der Bürger­ meister und die Gemeinderäte hatten sich in Wichs gesteckt, um dem Gnädigen Herrn ihre Aufmerksamkeit zu bekunden. Das schöne Geschlecht war damals sicher ebenso neu­ gierig wie heute, aber daß man überall die Nase vorn dran habe, galt trotzdem als unschicklich. So lauerten denn die Frauen hinter den Vorhängen oder drückten sich verstohlen hinter die Männerreihen und guckten ihnen über die Achseln. Eine aber stellte sich gleich in die erste Reihe neben den Gemeinderat und tat, als ob sie ein Vorrecht hätte. Es war die Gretel von Hochheim, eine ehrsame Jungfrau von 42 Jah­ ren und aus "besserer" Familie. Sie trug als Einzige im Dorf einen richtigen Damenhut, während alle andern noch Kopf­ tücher hatten. Der Hut war zwar nicht mehr ganz nach der Mode, die Gretel hatte ihn von einer Tante aus der Stadt geerbt - die Reiherfeder fehlte, dafür wedelte heute über den künstlichen Blumen eine riesige Gockelfeder. Der schwarze Samt war noch wie neu, das Seidenfutter hatte wohl einige Risse, die man aber nicht sehen konnte, und das Drahtgestell war auch noch wie neu. Kurz, es war ein Hut und dazu noch der einzige im Dorfe. Darum konnte sich die Gretel wohl in die erste Reihe stellen, um auf den Gnädigen Herrn zu warten. Die Wingertsberger Spitzenreiter wurden vor Hochweiler mit gemischten Gefühlen begrüßt. Gegenseitige Eifersucht ist ein Erbübel der pfälzischen Dorfbewohner. Bemüht sich eineGemeinde bei Gelegenheit wie einem Bischofsempfang, ihre Sache gut zu machen, so kommt bei den lieben Nachbarn so etwas wie Neid zum Durchbruch, lose Zungen machen ihre abfälligen Bemerkungen und finden leicht Beifall. Zeigt sich eine andere Gemeinde in solchen Fällen lässig, nimmt der Bürgermeister sie auf die leichte Schulter, dann lassen die lieben Nachbarn erst recht "ihr Maul spazieren". Schorsch und seine Begleiter mußten eine gründliche Musterung über sich ergehen lassen. Dieselbe erstreckte sieh auf die Reiter, auf die Pferde und auf das Sattelzeug. Nichts entging den scharfen Augen der Hochweilerer. Schorsch parierte manche spitze Bemerkung der Hochweilerer mit gu­tem Humor, konnte aber eine gewisse Nervosität nicht unter­ drücken, als er merkte, wie ein Spottvogel seinen "scheelen Fuchs" zur Zielscheibe seines Witzes wählte. Diese seine innere Unruhe aber teilte sich seinem Pferde mit. Der Fuchs fing an zu scharren, ging vorn hoch, legte die Ohren - An­ zeichen, die zu allerlei Bedenken Anlaß gaben. Endlich hieß es: "Sie kummen!" Die Glocken von Hoch­ weiler begannen zu läuten, die Leute strömten aus den Häusern und umsäumten die Hauptstraße. Durch dieselbe nahte bedächtig und schwerfällig die bischöfliche Chaise. Sie ratterte, über das unebene Straßenpflaster und verursachte großen Lärm. Schorsch legte sich schnell seinen Spruch im Kopf zurecht und ließ den Fuchs die Schenkel spüren. Aber, aber! Das Pferd war nicht mehr zu beruhigen. Jetzt wollte der Schorsch an den bischhöflichen Wagen heranreiten, da kam das Un­ erwartete. Der "scheele Fuchs" fing an zu hufen, und je mehr Mühe sich der Schorsch gab, ihn vorwärts zu bringen, desto unaufhaltsamer bewegte sich der Gaul rückwärts. Der Gnädige Herr war aufmerksam geworden, der Wagen hielt, aber der Fuchs war nicht an ihn heranzubringen: Da nickte denn der Bischof dem von der Anstrengung feuerrot gewordenen Schorsch recht freundlich zu, dieser führte die Hand zu militärischem Gruß an die Kopfbedeckung - und der Wagen rollte weiter. Ein spöttischer Zug legte sich über die Gesichter mancher Hochweilerer - mit der Geduld des guten Schorsch wars zuende. Er riß die Fahne vom Steig­ bügel und schlug mit der Stange dem Fuchs in die Flanken, daß es nur so dröhnte. Die Fahnenspitze aber löste sich, flog in einem weiten Bogen durch die Luft, gerade auf den Hut der Gretel von Hochweiler, durchschlug den samtseidenen Hutboden und blieb aufrecht darin stecken. Jetzt sah alles nach der Gretel. Diese stand starr vor Schrecken, der Gnädige Herr schmunzelte, der Bürgermeister vergaß ganz seine An­ sprache und das Gelächter wollte kein Ende nehmen. Schorsch war glänzend entlastet. Bei dem "scheelen Fuchs" hatten die Schläge gewirkt. Er gab das Rückwärtsdrängen auf und nahm die Beine hoch. Schorsch als gewandter Reiter hatte ihn bald in seiner Ge­ walt und raste mit ihm dem bischöflichen Wagen nach, diesem nach kurzer Zeit voraus und konnte in Wingertsberg recht­ zeitig verkünden, daß der Gnädige Herr nahe. Alles Weitere verlief programmäßig, der Bürgermeister von Wingertsberg brachte seine mühsam einstudierte Rede glücklich an den Mann und der Gnädige Herr ließ sich am nächsten Tag den braven Schorsch zu dessen großer Freude besonders vorstellen, so daß dieser für das Mißgeschick beim Empfang voll entschädigt war. Die Gretel von Hochweiler aber führte bis zu ihrem seligen Ende den Uz-Namen "Die Fahneschbitz". In solchen Sachen haben die Pfälzer ein gutes Gedächtnis.

Erkenntnisse aus der Erzählung

Hochweiler = Alsterweiler Wingerstberg = Sankt Martin